CosiFanTutte

Das Bewußtsein der Jugend wird nicht – wie es die Sozialpsychologen behaupten – «geprägt» sondern es wird auch den Urgrund des Unbewußten etwas hervorgeholt, was nur darauf wartet in eine aktionsfähige Perspektive zu kommen.  Es muß erst einmal etwas «da» sein, was «geprägt,» was durch Erziehung, Drill und Propaganda «sozial akzeptabel gemacht werden kann.
Ich habe jetzt zweimal hintereinander Cosi fan Tutte gehört. Diese Oper wird gar nicht so ernst genommen, wie sie es verdient.  Hier werden Grundmuster erfaßt, die nur schwer auf einen Nenner zu bringen sind, weil die offensichtlichen Widersprüche und lustigen Plattheiten, das auszuschließen scheinen: Genau das aber ist der Grundzug aller Zivilisation: Die Menschheit kann [muß?] mit Widersprüchen leben, an denen der Einzelne – besonders der «starke Einzelne – zerbrechen muß [kann]…
Geschichte als ein Prozess der Auflösung von Widersprüchen …Habermas will uns im Gefolge von Hegel einreden, wir könnten diese Auflösung zum Teil des Prozesses machen, indem wir sie zerreden…
Cäsar war ein Populist, hat die Macht der unzufriedenen Massen zu seinem Vorteil benutzt.  Ganz im Stil Napoleons, die eine Linie des gene-pool zu beschützen, auch wenn daraus nichts geworden ist.  Cäsar nutzt nur die Wünsche der Massen zu seinem Vorteil – Es bleibt Octavian vorbehalten, die Auflösung der Widersprüche in die Jenseitigkeit der Götterwelten zu versetzen. Nennt Cäsar einen Gott und sich selber Deus Filius und so beginnt eine neue Geschichte, die bis heute reicht…  Mit dem Sprung ins Jenseitige wird das Tabuisieren bestimmter Fragen legitim. Das kann der Herr Habermas auch nicht besser: Es gibt keine tragfähige Basis für einen Diskurs mit Skin Heads – oder überhaupt Leuten, die lesen nicht Die Zeit, das Magazin Der Spiegel, die TAZ oder sonstige ernst-zu-nehmende Meinungsbildungsblätter – so erfahren sie auch nicht, was man von ihnen denkt: Zugleich wird aber in der Lesergemeinde, die sich als die Relevanten erleben, die gleiche Mordlust, der gleiche Zorn-zur-Endlösung, die Skinheads und andere irrelevante schon von vorn herein erfüllt. Die Relevanten wissen, daß mit der Vernichtung derer, die-nicht-zählen-weil-man-mit-denen-doch-nicht-diskutieren-kann, diese paar Störenfriede mit Stumpf und Stiel beseitigen – dann werden wir schon in Frieden leben.
Die Skinheads sind aber Fleisch-gewordene Idee und diese Ideen leben fort: In James Bond Filmen und in Abertausenden Cartoons wird diese blutdürstende Auseinandersetzung weiter getragen – kann aber nur deshalb kommerzieller Erfolg sein, weil in dem Bewußtsein der Konsumenten solcher Gewalttätigkeit etwas angesprochen wird, was schon angelegt ist und auf Erfüllung wartet: Auch wenn «das Gute» immer siegt, ist doch die Möglichkeit, sich mit «dem Bösen» zu identifizieren immer gegeben… So wie in Cosi fan Tutte der Seitensprung als Möglichkeit – zumindest als Kitzel solche Pläne zu schmieden und zu phantasieren, auf allerschönste Weise dargestellt ist: Da kann der Herr Habermas alles aufwenden, kein ausgleichender Diskurs, kann die Tatsache menschlicher Grundmuster überwinden …Er kann natürlich versuchen sich mit Wilhelm Reich heraus zu reden, daß Monogamie und die Dominanz des Mannes in diesen Beziehungen etwas Nachträglich-Erfundenes sind … Wilhelm Reich ist aber längst erledigt; der Freiheit-durch-Orgasmus-Wahn verkommt auf dem Friedhof unfruchtbarer Ideen…
Der heilsame Schrecken, den Hitler über die Menschheit brachte, dieser Schrecken kann durch nichts ersetzt werden: Churchill war sich absolut sicher, das British Empire würde gestärkt aus dem Blutbad hervorgehen.  Die Franzosen sind ja heute noch «ein kleines bißchen Imperialisten.»   Das lassen sie sich aber auch ordentlich ‘was kosten. Vor de Gaulle waren sie sich absolut sicher, die Ordnungsmacht der in den napoleonischen Eliteschulen geprägten Administratoren wurde auch weiterhin «die Menschheit als Ganzes» beglücken können. Sie waren völlig unberührt von den grauenvollen Bildern, die uns zeigten wohin Herrenmenschenanspruch führen konnte: Das war doch nur Beweis für das bedauernswerte Ungenügen deutscher Ausbildungssysteme und Werthaltungen, Beweis für französische Überlegenheit…
…in gewisser Weise (nämlich wegen seiner Gewißheit eine Endlösung gefunden zu haben) denkt Habermas wie Churchill: Folget mir nach und ich werde Euch de ewigen Frieden, werde Euch die geschichtslose Zeit hinüber führen, wo alle Konflikte sich lösen.
Cicero wird dafür verherrlicht, daß er in wohlgesetzten Worten – über die unauflöslichen Widersprüche hinweg – eine Wahrheit fand, die in überzeugender Weise die Einheit der Idee des Staates feststellte: Den Weg zum Guten weisen, so wie Habermas es auch will: Wegweiser sein und auf «rationaler Basis» Grundsatz-Setzer. Aber das ist die crux …es waren ja doch immer «irrationale Elemente» die Verwirrung stifteten: Octavian hat als der Pontifex Maximus mehr bewirkt als, als Kriegsherr oder Administrator.  «Opium fürs Volk» mit diesem bösen Wort hat uns Karl Marx unfähig zum Glauben gemacht und doch zugleich einen viel gefährlicheren Glauben gelehrt – wir könnten nicht nur interpretieren, sondern wir könnten-und müßten verändern …verstehend zum Guten gestalten, was so offensichtlich im Argen ist.
«Es kommt darauf an, die Welt zu verändern…» Wer hat wohl inbrünstiger an dieser Idee gehangen als die Herren in den schwarzen Uniformen? Weltveränderung beim «Großreinemachen in Europa» beginnen…
Aus Cosi fan Tutte höre ich: die Abweichung vom «normalen Pfad» als Spiel, als Schabernack aufzufassen – genetic drift ist eine wünschenswerte Tatsache; aber da ist kein Weg der drift auf anständiger Weise auf die Sprünge zu helfen… die muß im geheimen wirken können weil sie im individuellen Einzelfall als unerträgliche Grenzverletzung erlebt wird.  Alle Grenzziehungen sind im Individuellen Zumutungen; sind künstlich, wie im Globalen: Grenz-Autoritäten, die sich als Kettenhunde, als Folterer herausstellen, das sind die Schlimmsten: Untaten im Vollgefühl der Unschuld zu begehen – die schlimmste menschliche Grundanlage: Was wäre das für eine Tragödie, wenn die Mereduer Selbstmord begangen hätte? So hat sie Ordnung gemacht, die keine Zukunft hat.