Das Schöne

Am Ende des XVIIIten Jahrhunderts war man sich noch absolut sicher, was es mit “dem Schönen” auf sich hat.

Goethe zum Beispiel schrieb unter vielem Anderen folgenden Aufsatz:

Schade, daß uns der Olympier nicht wissen ließ, wer sich dieses Früh-Surrealistische Bildnis abgerungen hat. So wird das heute tausendfach vermarktet und je blutiger desto besser. In Washington DC ist Anfang 2006 eine große DaDa-Retrospektive vorgestellt worden. Ja! Das war die Kunst meiner Jugend! Naiv wie ich war, glaubte ich wirklich und wahrhaftig die Schwitters und Ernst und Arp und Duchamp hätten was zu sagen -- und dann natürlich auch noch der Salvadore Dali und der andere GRÖMAZ aus Spanien.

In letzter Zeit sehe ich in Gesellschaft meiner Frau manchmal die The Isaac Mizrahi Show der hat den wunderschönen Spruch drauf: “Oh Dear that’s soooooo two weeks ago” Das mußte ich auch immer denken, wenn mir die Hämischen von Hamburg und andere Zeitgeist-Experten weismachen wollten, daß der Ex-Ritterkreuzträger und verhinderte Nazi-Kriegsheld [zumindest deutsche] GRÖMAZ die neuesten, besten, tiefgründigsten Kunstwerke des Abendlandes erzeuge: Das war vielleicht um 1921 aufregend aber als er das mit seinen großen Spielchen vierzig Jahre später aufwärmte, da fütterte er nur noch das Verlangen der Kunstsammler auch ein bißchen mitzukriegen, von dem Glanz der Nazi-Verfolgung: Das wurden den Deutschen Kunst, weil Ähnliches einmal als Entartete Kunst zu Höchstpreisen aus Deutschland exportiert worden war.

Kunst wie sie zuerst in den Höhlen West-Europas erscheint ist ebenso an eine enge Verbindung zwischen Gestaltern und Betrachtern gebunden, wie die Kunst die in den gothischen Kathedralen vor uns steht. Kunst ist immer auch Ausdruck eines Strebens nach Höherem gewesen, das aus der gesamten Gemeinde heraus wächst.  Aber das ist eben das Signum der Moderne, daß es solche Gemeinde nicht mehr gibt. Wir brauchen die Experten, die uns durch das Gestrüpp der unendliche vielfältigen Entwicklungen hindurch geleiten.  Die Produktion der Kunst hat sich schon lange vom Lebensgefühle des Allerweltsmenschen gelöst:  Es muß uns einer sagen, daß Miro, Chagall, Calder und Picasso aus Sinnlichkeit und Lust am Spiel malen während Rothko und Morandi uns eine Kunst der reinen Vergeistigung liefern und uns Einblick gewähren in die letzten Dinge, uns helfen beim Grübeln und Suchen der Mystik.  "Ein Wesen hinter den Erscheinungen, Widerstandsfähigkeit gegen den Fluß der Zeit."  Kann man das denn als Feulleton-Journalist wirklich schaffen, alles was da heute geschrieben und morgen nicht gelesen wird ist auf ewig verloren -- und wenn es gelesen wird, dann vermischt es sich mit dem Rest des Zeitgeschehens zu einem dekorativen Verhalten [ Die Namen die zur Malerei fallen könnten alle aus Michaels Mund kommen ... nur Vasareli wird nicht erwähnt. Wichtig ist also nur, daß man weiß wer "in" ist, damit man sich zu denen rechenen kann die ernst genommen werden können:  Klassiker von Dürer bis Picasso (immer wieder Picasso) ... Johann Caspar Weidenmann, Delacroix Corot, Poussin, Goya, Lorain, Chardin ... Lichtenstein und Oldenburg, Pollok und de Kooning, Kline und Johns, Bruce Nauman, Sol Lewitt, Frank Serra, Walter de Neira, und Jeff Koons ... Bossard in der Lüneburger Heide ... Valin und Giacometti, Luginbühl und Tinguely, Wilfried Moser und Robert Müller, Samuel Buri und Marcus Raetz ... Meryon und Bresdin.]. Ich schmücke mich mit Namen und dadurch bin ich schon wer.  Bei den Einen sind das Sportler, bei den Anderen die Größen aus Wissenschaft und Technik und bei den Gebildeten eben die "Schaffenden", die es geschafft haben, sich einen Namen zu machen.

Das Schöne in dem Sinne, in dem Goethe es zu erfassen suchte ist heute tatsächlich die Domäne von Modeschöpfern, wie Isaac Mizrahi oder Karl Lagerfeld, die immer noch dieselben Natur-gegebenen Urbilder ansprechen, die seit der schöpferischen Explosion vor 30-40 Tausend Jahren in uns ruhen und auf ansprechende Impulse warten, sie und die Designer von Gebrauchs- und vor allem Luxusgütern und einige Herrschaften von der Bau- und Werbebranche haben das voll im Griff. Das was sich heute «Künstler» nennt ist nicht mehr als Opfer eines sorgfältig gepflegten Marktes der Absonderlichkeiten in dem die Ahnungs- und Orientierungslosen Halt zu finden glauben, weil da ja was sein muß, wenn das so viel Geld kostet.

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Das Schöne ist doch auch die kleine Lüge vor der Trostlosigkeit des Tatsächlichen -- Schaut nur hin was passiert wenn Künstler sich getrieben fühlen "ehrlich" zu sein.

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Das Schöne erleben wir dann, wenn es gelingt den inneren Glanz der Welt faßbar zu machen. Das Gefallen finden an der Kunst, die zum Markte drängt und die durchaus nicht immer schön genannt werden kann, das ist der soziale Effekt und zeigt uns immer auch andere Elemente unseres Wesens (essence).

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Ich werde den bösen Verdacht nicht los, daß es noch nie einen Lehrer des Rechtes gab, der guten Willens gewesen wäre:  Alle Rechtssetzung entspringt einem bösen Willen ... Wie könnte es denn anders sein.  Ich kann mir ja auch nicht vorstellen, daß Kloakenreiniger bestimmen was das Schöne sei.  Und doch, wenn ich die Kunst des XX. Jahrhunderts betrachte sehe ich genau diesen bösen Willen vor mir.

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Wer sich, wie Epikur, das Schöne des Daseins erst bewußt machen muß,
der sieht die Welt aus einem Meer des Leidens.