Glauben

Institutionen des Glaubens, die für sich selber Sprechen können

Dieses Bild hat mir zu Denken gegeben!

...quod religiosa sententia nec sponderi satis, nec imperari podest, cum in potesda non sit, quid credas.

Hier ist Einer am Ende.  Der Hut den er trägt - ein furchtbar teures Ding von großer symbolischer Bedeutung – ist Ausdruck einer ganz persönlichen inneren Haltung mit der Einer, der am Ende ist vor seinen Gott hin tritt, weil er nicht weiter weiß.  Er weiß, daß er «schuldig» ist, weiß aber auch, daß er in seinem persönlichen Betragen so ziemlich allen Gesetzen folgte, die in seiner religiösen Gemeinschaft seit ein paar Jahrtausenden absolut und uneingeschränkt gelten: Vor der Welt ist er schon verurteilt, bevor es überhaupt zu einem Prozess gekommen ist.  Er ist Teil eines gesellschaflichen Effektes der Wagemut fordert, wenn man mitgezählt werden möchte – und dazu gehört auch das Scheitern: «Köpfe rollen» und Mächtige werden von ihren hohen Ämtern verstoßen… was Gott in seinen unergründlichen Ratschlüssen will bleibt völlig im Dunklen.
Dieser Mensch kann sich glücklich schätzen, einem Höheren zu glauben.  Das wird ihm die vorhersehbaren Unannehmlichkeiten mit den Strafverfolgungsbehörden und mit dem überschäumenden Medientheater leichter machen.
Dieser Mensch ist kein Vereinzelter, auch wenn er «alle Welt» gegen sich hat.  Das ist Wesen und Sinn von Glauben, der durch kein noch so gut konstruiertes System aufklärerischer Normengebäude ersetzt werden kann.
Es bleibt hier nur festzustellen, daß Glaubensgemeinschaften, die mit strengen Verhaltensregeln individuelles Verhalten beschränken deutlich wachsende Mitgliederzahlen vorweisen können: Überall dort, wo – im Verlauf der vergangenen 150 Jahre voran getriebenen Reform und Liberalisierungsbewegungen [zum Beispiel Schleiermacher für die deutschen Evangelischen und 120 Jahre später Drewermann/Küng für die Katholiken] –  orthodoxe Richtungen aus den Allerweltsgemeinschaften hervorgewachsen sind hat man jetzt Zulauf.  Das ist ein Zeichen der Zeit, zum dem irgendwann auch die Hämischen von Hamburg und andere Zeitgeistgestalter aufwachen werden, wenn sie mit ihrem Reformgerede keine Einschalquoten mehr kriegen können.

 

 

Wie Glaube irgend einer Art in einer Gemeinschaft gleichgesinnter entstehen und sich erhalten kann ist ein Mysterium. Nur große Katastrophen wirken auf ein fußfassen eines “Neuen Glaubens”...doch niemals hat solcher neue Glaube irgend etwas zu tun mit “wissen” oder irgendwelchem vernunftmäßigen Erkennen.  Glaube erfährt sich in der Seele und kann von anderen nur wahrgenommen werden als das Walten der Volksseele
 

In ihrem völlig überflüssigen Kampf gegen den Darwinismus haben die amerikanischen Creationists folgenden Satz formuliert [<http://www.evangelicaloutpost.com/archives/001785.html>] :

 if we believe that non-teleological evolution is true then we have no reason to believe the theory since we would have no reason to trust that our belief-forming apparatus is reliable.

Das ist ja genau der Punkt, wo «moderne Wissenschaftsgläubigkeit» sich selber aufhebt: Egal ob man nun «an Gott» oder «an Wissenschaft» glaubt unsere Glauben-Bildungsapparate bleiben gleichermaßen unzuverlässig. Wir sind Gefangene eines noch nicht zuendegebrachten Entwicklungsvorganges:
Feindseligkeit
gilt allemal mehr als
Wahrheit

Glaube als institutionell sanktionierte Feindseligkeit muß erst einmal als Problem erkannt werden werden:

Zu meinem größten Erstaunen kann ich bei Herder einen anti-römischen Zivilisationshass nachlesen, dem heute der Anti-Amerikanismus bestimmter intellektuell orientierter Europäer entspricht. Herder würde heute für Die Zeit schreiben.  So wie ihm vor 200 Jahren alles Griechische Gut und alles Römische Suspekt war, so würde ihm heute alles das was vom Profitmotiv getrieben, außerhalb bestimmter idealer Ordnungsvorstellungen, sich bewegt an den Pranger stellen.

Die ausschlaggebende Einsicht, daß der Untergang Roms nicht etwa aus dem “Sieg des Christentums”, wie Gibbon das herleitete, sondern schon viel früher, aus dem Triumph aller Mäkler und Infragesteller zu erklären ist. Alle antiken Autoren, vom alten Cato, über Tacitus bis zum Erfinder des Gottesstaates haben ja nur überleben können, weil sie “Fehler” an der bestehenden Ordnung aufdeckten, und so die Einführung einer neuen auch auf Kosten der Aufhebung der rechtlichen und wirtschaftlichen Grundlagen der Gesellschaft rechtfertigten. Das was Fritz Stern an Langbehn und anderen Randfiguren der intellektuellen Entwicklung Deutschlands zum Zentralstaat zu entdecken meint, das ist eben viel breiter und umfassender als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Kulturpessimismus als psychische Erkrankung kann tatsächlich viel umfassendere Effekte haben, als das was irgendwelche Formeln zur Macht zu enthüllen vermögen.

Es war nicht etwa Triumph von Sklavenmoral, der nach Nietzsche der Antike den Lebenssaft raubte, sondern ganz im Gegenteil, Triumph der Selbstgerechtigkeit von Übersättigten, die es gar nicht nötig hatten, mit Hoffnungen für sich selber, in die Zukunft zu schauen und die deshalb die Fragwürdigkeiten der Gegenwart und die unendliche Vielfalt ihrer inneren Widersprüche, umso stärker sahen und wohl auch an diesen Widersprüchen litten.

Augustus fordert, genauso wie der Kaiser von China, nicht Glaube, sondern bloss Teilnahme am Kultus! Athen hat Sokrates zum Schierlingsbecher nicht etwa deshalb verurteilt, weil er unliebsame Wahrheiten vorgetragen hat, sondern weil er glaubte mit diesen Wahrheiten gleich auch den inneren Zusammenhalt der Gemeinde in Frage stellen zu müssen.  Athen nimmt Sokrates übel, daß er die Konventionen bloßgestellt hat mit seinem: “Erkenne dich selbst!” Aber was viel schlimmer ist, und was bis in unsere Zeit immer die fürchterlichsten Konsequenzen hatte, das ist der von Kirkegaard so gepriesene unerschütterliche Glaube an die Eindeutigkeit und schlechthinnige Wahrheit dieser Erkenntnis.

Wenn sich Joschka Fischer als die Fleischwerdung der Wahrheit erlebt, dann ist das vielleicht noch durchschaubar: Er ist halt ein Clown …aber eben einer, mit einer Anhängerschaft devoter Gläubiger.  Aber der Schreihals aus Braunau, der kleine, halbgebildete österreichische Gefreite, hat uns mit aller Schärfe vor Augen geführt, was es heißt unerschütterlich an die eigene innere Wahrheit zu glauben, und dazu noch das Zeug dazu haben, im Dienste dieser Wahrheit, die Massen zu bewegen. Dabei gibt es aber keine “Schuld” die, die bewegen sind ebenso wenig “schuldig” wie die, die sich in Bewegung setzen lassen. In allen denkbaren [und wohl auch denen, an die ich jetzt noch nicht denken kann] sozialen Konstellationen wird sich die Situation von “Volk & Führer” herausbilden.  Das Erstaunliche dabei ist, in welchem Maße sich Typen zu Führern aufschwingen können, die eigentlich überhaupt keine Anlagen dazu besitzen.  Ich bin geneigt, den “Geführten” dafür einen Vorwurf zu machen und ihnen eben damit “Schuld” zu unterschieben, die nur dann existieren könnte, wenn es eine absolute Wahrheit gäbe [Winklers Schuldzuweisung an die preussischen Junker, oder die “Enthüllung”, durch den Knaben in Bern, daß die Generäle Hitlers “an allem Schuld waren” sind mir aber Warnung genug, mir solche Eindeutigkeiten zu verweigern].  In den großen historischen Bewegungen gibt es viel zu wenig Eindeutigkeiten, als daß es überhaupt möglich wäre Zusammenhänge zu sehen.  Das ist es ja gerade, was die Not mit dem Glauben darstellt: Glaube fordert einfach, daß es möglich wäre, Zusammenhänge zu konstruieren.

Mit dem Wort «Glaube » verbindet man in der deutschen Sprache in erster Linie Bindung an das Göttliche.  Glaube ist eine von Gott verliehene christliche Kardinaltugend.  Sie ist nur verliehen und also kann ein zürnender Gott Glauben auch nehmen – zum Beispiel wegen der Hybris der Selbstgerechtigkeit [wie in dem Begriff «Einmalig»]; denn Gott sagt: «Die Rache ist mein.»
Es fragt sich nun, wie man ohne Glauben überhaupt existieren kann.
Wir weigern uns zu sehen, daß im Zusammenbruch des Kommunismus zugleich auch die gesamte [von Anfang an im Schisma zwischen Vorantreibern und Bremsern] Neureligion der Wissenschaftsgläubigkeit [Wesen und Hauptinhalt aller Sozialwissenschaften ist doch – von Adam Smith bis Alice Schwarzer –  «ein Gutes beweisen» und den Weg dorthin zeigen] den Boden verloren hat.  Dadurch, daß sich der Rationalismus nicht als Religion erlebt, können wir die Augen davor verschließen, daß mit den Enthüllungen von Cantor bis Wittgenstein das Ende der Wahrheit erreicht und mit Gödel und Popper die Beliebigkeit zum Grundprinzip des Handelns, des Erfahrens, und des Glaubens gemacht wurde: so geht es nicht!  Das ist der einzige Maßstab.
Wer nicht der zufällig herrschenden Dogmatik folgen kann, hat damit noch nicht den Glauben verloren. Man geht unbekümmert durch den Alltag und hat damit ein Gottvertrauen, auch wenn man gar nicht an ihn denkt.  Jeder der sich mit innerer Gewißheit den großen und kleinen Lasten des Alltags stellt; wer Hoffnung hat und Vertrauen in Ziel und Zweck seiner Handlungen, dem ist Glaube geschenkt auch wenn dieser Glaube nicht mit den äußeren Zeichen von Religiosität, Frömmigkeit und der expliziten Konfession eines Glaubensbekenntnisses verbunden ist.

Der Glaube und die Vernunft gehören zusammen wie Mann und Frau: Beide zusammen schaffen das Geistige, von dem Viele glauben, es sei eine exklusive Gabe des Menschen.

Das schauerliche am Glauben ist dass er nicht zu unterscheiden vermag zwischen denen, die bloß die großen Worte machen und denen die wirklich Das Sagen haben. Wer dem Lügner Glauben schenkt, schenkt ihm auch die Macht zu versuchen aus seinen “großen Worten” etwas zu machen -- und das geht meistens schief

Die Glaubensfähigkeit des Menschen ist seine gefährlichste Eigenschaft. Die Sicherheit zur Tat, die reine Unschuld des gut-gläubigen Gewissens, ist auch die absolute Sicherheit das Böse zum höheren Zweck des Guten tun zu müssen…
Die verbiesterte Verbissenheit mit der wir Deutschen unsere Geschichte zu verarbeiten trachten geht gar nicht so sehr um die Frage der einmaligen Untat sondern darum, wie wir trotz dieser Ungeheuerlichkeiten wieder einen Weg in die Geborgenheit eines guten Glaubens finden können. Die unerträgliche Besserwisserei und die undurchdringliche Vielschichtigkeit des öffentlichen Diskurs –exemplarisch sichtbar in der Verteufelung des Herrn Jenninger, der doch nichts anders wollte als der Möglichkeit zum Gottvertrauen eine Basis zu geben – beweist als erstes unser aller Verdacht vor der Gefahr des blinden Glaubens.
Glaube als Gefahr an sich – mitgerissen werden in einen Strudel wo die Untat lauert und ab einem gewissen Punkt unausweichlich wird. Alfred Weber [der Religions- und Wissenssoziologe] konnte das noch Personalisieren: Friedrich Nietzsche, die Fleischwerdung des Bösen ist an allem Schuld, weil er den Immoralismus predigte.  Hat er wirklich? Hat er nicht im Gegenteil gesehen, wie der «Herdeninstinkt» gekoppelt mit einem «falschen Glauben» in eine Abfolge von Kriegen führen muß, «wie es noch nie zuvor Kriege gegeben hat…»
Der Glaube, wahres menschliches Glück könne nur durch individuelle Nutzenmaximierung erreicht werden ist uns selbstverständlich: So «verstehen» wir uns «selbst» auch wenn wir ganz und gar nichts verstehen, und unsere atomspaltende Vernunft in einer totalen Leere angesiedelt ist.
Aber selbst wenn wir an die Grenzen der Einsichtsfähigkeit kommen, und uns klar darüber werden, daß der nächste Schritt ein Glaubensakt sein muß (ganz besonders Schlaue konvertieren gleich zum Judentum) ist es doch zugleich ein Axiom, daß aller Glaube die Unschuld zum Bösen in sich trägt………
Das ist die wahre Verzweiflung von uns zu spät Geborenen: Die Gnade der späten Geburt hat uns davor behütet zu Tätern zu werden – aber uns auch den Weg in die Unschuld des Glaubens verbaut…