Ich

 Das Ich spricht:

Ich versage jeder menschlichen Institution und auch jedem noch so umfassenden Gott und höherem Wesen irgendwelcher Art die Legitimität über mich zu urteilen und mein Wesen, meine Seele zu bewerten: Die Menschen können mich jederzeit strafen und Gott an seinem jüngsten Gericht... der kann mir zürnen ...alles egal, das bin ich ja doch schon lang gewöhnt und Schlimmeres als der Zufall und böse Mitmenschen mir angetan haben, kann der sich auch nicht ausdenken.

Erst wenn man verstanden hat warum Sokrates ein geisttötender Philosoph war, kann man sich den Weg frei machen zur schöpferischen Selbstgestaltung.  Erst dann kann man seine inneren Kräfte mobilisieren und das leere Blatt das "ich" bin füllen: indem man vom "man" zum "ich" kommt statt wie jener Kleinstadtbürger vom "man" in die Nähe zu absolutem Rechthaben -- das ist ein wahnwitziger Unterschied zwischen dem "erkenne dich selbst" und dem "werde der du bist". Oder? Das bißchen weltliche Eitelkeit, das Sokrates relativieren wollte zählt doch nicht im vergleich zu der Unzahl entmutigter ratloser Seelen...Mathematik als die absolute Metaphysik nämlich Werkzeug ohne inhalt, als das Unbeseelte und damit als das Ungeistige erfassen. Erst wo sie am Ende ist fängt das geistige eigentlich an.  Die Faszination mit dem Werkzeug:  mit Hammer und Meisel kann einer die Pieta gestalten, oder dem Nachbarn ein Loch in den Kopf hauen.

Ich kann bis an die Grenzen des Denkbaren vordringen – wenn ich dann doch weiter muß, dann ziehe ich es vor zu würfeln, statt mich meinen Gedanken anzuvertrauen.

Sozialität ist Anerkennung des Ich im anderen: Die Leugnung des Ich mit sozialistischen Argumenten hebt mit dem Ich den Sozialismus auf. Das ich kann sich nicht selbst bestimmen aus dem, was es aus dem Urschleim der natürlichen Entwicklung mitbekommen hat und auch nicht daraus, was der Zufall des Zeitgeistes ihm als vor-gedachte Denk und Verhaltensmuster aufzwingen will.  Es muß doch in der Lage sein sowohl über die in ihm waltenden Triebe als auch über die sozialen Anpassungsnormen zu urteilen: Das Gute vom Bösen scheiden.  Und also braucht das Ich eine höhere Instanz des Urteils  außerhalb allen tatsächlich »Gegebenem«, das immer das beliebig-Zufällige ist. Mit einem Ich-bin-der-ich-bin als »absoluter Wahrheit«, das sich voll bewußt ist damit eine Verantwortung über die Kontrolle der eigenen Triebe, als auch Bewertung gesellschaftlicher Urteile aufgeladen zu haben, ist unausweichlich auch eine außerhalb zeitlicher Bedingtheit waltende höhrere Instanz »absolut wahr«.  Das ist die alte Idee des »am Anfang war das Wort«, das Ideal, die Vollkommenheit, der Logos.  Damit ist aber zugleich auch festgestellt Leugnung Gottes ist dasselbe wie Leugnung des Ich.

Das ich ist in seiner Lebenssphäre wie Gott in der Welt, überall aktiv und wirksam und nirgendwo sichtbar....« In den meisten Fällen – fast immer – wo ich »ich« sage gebe ich Impulsen des animal-Id oder des nach Liebe, Rang und political correctness strebenden Überich-der-Wüterich nach. Ob Gottesleugner wissen wie sie sich in Frage stellen

Das wirklich "Originale" meiner Gedanken besteht aber darin daß ich "Geist" und "Bewußtsein" als eine Eigenschaft der "lebenden Substanz" betrachte, und mir insofern "der Mensch" oder gar "das Ich-Selbst" als untergeordnet erscheint.  "Ich" braucht man nur, um seiner Lust an der Strafverfolgung fröhnen zu können, denn ohne "verantwortliches Ich" gibt es natürlich niemanden den man auf den Pranger stellen könnte

Ich glaube an die VernunftIch bin überrascht von der Einsicht wie sehr mir dieser Glaube an die Vernunft immer schon das Leben bestimmt hat.  Daß ich immer mal nahe am Durchdrehen war, ist darauf zurück zu  führen, daß meine vernünftigen Herleitungen zu dem was in meinem Leben sein soll sich nicht mit denen meiner Mitmenschen auf eine Ebene in einen Gleichklang in eine sich ergänzende Harmonie bringen lassen wollte. 

Überschätzung des ICH als das zu erkennen, was mir am meisten Nöte macht.  Aber damit bin ich durchaus nicht allein, im Gegenteil ich bin demütig genug zu erkennen, daß ich im besten Fall ein Gleichgewicht zwischen den Impulsen die das WIR mir aufdrängt und aus Richtungsweiser Anspruch erhebt und den Motivationen die erst einmal ohne Worte aus den Tiefen meines ES hervordringen.  Das Verdacht schöpfen geht bei mir in beide Richtungen, ich traue nicht den Antrieben, die sich mir als "ich will" aufdrängen und was "ihr wollt" das ist mir alle Mal eine Anmaßung, der ich immer mit großem Widerstand nur mich gefügig machen kann.  Es ist aber meine jüngste und überraschendste Erfahrung, daß ES geduldig und langfristig zu planen versteht und mich in einem unbedachten Moment überrumpelt und als etwas hervortritt, was ich als wollen nicht einmal ahnen konnte. Aber ich befinde mich niemals auf der Flucht vor dem ego, so wie ich es von Foucault, als dem neuesten Buddha nachlesen kann. Diese Flucht ist immer der Versuch letzte absolute Macht auszuüben: "Gesetzgeber" sein, in den Fußstapfen von Abraham und Moses, in den Fußstapfen von Buddha und Jesus gottgleich auf ewig nachzuwirken.  Sich im absoluten aufzulösen und so den Text zu leugnen, der auf der anderen Seite steht.

113 Wenn wir uns Gott erfinden, dann versiegeln wir uns den Zugang zu unserem eigenen inneren höchsten Kontrollorgan, das einen Platz hat in unserem Hirn und das höher ist als alle Vernunft, wo Bewußtes und Unbewußtes, Verbalisiertes und Wortloses konsolidiert und zum inneren Ordnungsprinzip ausgerichtet wird.  Wenn wir das Wort Gott für unsere Lebensgestaltung gestrichen haben, dann  haben wir diesen Vorgang nur noch viel tiefer internalisiert und noch weniger zugänglich gemachtals es, so wie so, schon ist... Vielen gibt Gott eine Unschuld, die wir durchaus nicht verdient haben, wenn wir darunter leiden müssen.  Gottes Sohn aus damaliger perspektive mehr als fragwürdig Gottvater: Caligula