Rassismus

Der Begriff Rasse war vor seinem staatpolitischen Mißbrauch – besonders aber nicht nur durch die Deutschen – wesentlich ein kultureller: Als Emerson – 1833 – England besucht, bestaunt er die Führer der einzigen Weltmacht seiner Zeit – damals gab es Deutschland als Staat noch gar nicht – als eine besondere Rasse und meint damit wirklich «Auserwählte,» denen es durch Kraft, Fleiß, Begabung und Entschlossenheit gelungen ist sich große Teile der Welt unterzuordnen. Auf ähnliche Weise bestaunt Max Weber um 1900 die Amerikaner und sieht sie von calvinistischer Ethik motiviert. Auf Neu-Deutsch würde man das heute «Seilschaften» nennen und mehr kann «Rasse - auch in einem biologischen Sinn» nicht sein.
Der Spiegel [2006 No. 1] berichtet über die ägyptischen Pyramiden aus der Zeit der vierten Dynastie, die vor 4700 Jahren diese großen Bauvorhaben unternommen hat. Dabei entblödet sich der Autor nicht festzustellen, die «Schrumpfgermanen» hätten dergleichen nicht geschaffen. Das ist ebenso eine rassistische Feststellung, wie so vieles rassistisch angehaucht ist, was in der «Erinnerungskultur» der deutschen Mühewaltung Vergangenheit zu bewältigen immer wieder auftaucht. Dadurch, daß man einen Volksstamm schlecht macht oder aber besondere Verdienste kultureller, religiöser oder sozialer Sondergruppierungen als besondere Auszeichnung hervorhebt, macht man die deutsche Geschichte nicht besser. Man lernt auch nicht aus der Geschichte, sondern zeigt nur, daß die alten Verirrungen in einer neuen Form weiter leben.
Der Artikel zeigt darüber hinaus, daß die Autoren offenbar keinen blassen Schimmer von der europäischen Geschichte dieses Zeitraumes haben. Es ist zu bezweifeln, daß vor 4000 bis 5000 Jahren überhaupt schon «Germanen» als separater Volksstamm existierten. Aber die Bewohner Westeuropas haben zu dieser Zeit die Megalithkultur – mit Dolmen und anderen steinernen Monumenten auch ganz in der Nähe Hamburgs – entwickelt. Diese Kultur reicht von Malta bis Irland und ist möglicherweise älter als die entsprechende ägyptische Kultur der Großbauprojekte.
Was der Artikel weiter versäumt ist nach dem «warum?» der außerordentlichen Steigerung der Bauaktivität zu fragen. Da wird viel von Schweiß und schinden und von Schrunden in den Händen gesprochen – ganz nach dem Motto «Arbeit ist Scheiße» mit dem linke Kreise die Zukunft bewältigen wollen – und von «Zwangsarbeit» wo doch in Deutschland die allerneueste Arbeitsmarktpolitik auch nicht darum herum kommt Arbeitsbeschaffungsprogramme außerhalb des Marktwettbewerbs zu entwickeln. Die soziale Dynamik der Gesellschaft am Nil vor viereinhalb Jahrtausenden, läßt sich nur dann nicht nachvollziehen, wenn man – rassistisch orientiert – von einen grundsätzlich anderen Menschentyp ausgeht als dem heute hier lebenden. Ansonsten muß man annehmen, daß damals – wie heute – die Mehrheit der Menschen vorbehaltlos die herrschende Ordnung hingenommen und in ihr versucht haben für sich das Beste zu machen: Da ging es um Karrieren und Reputationen, da ging es um Aufstiegsmöglichkeiten und die simple Frage, wie man für die Nachkommen, «…die es einmal besser haben sollen», am besten sorgen kann, auch wenn es dabei ein paar Schrunden gibt.
Wie sich der «Inzucht-Clan; eine besonders eng geknüpfte Seilschaft» der Pharaonen rechtfertigte die herrschende Ordnung zu bestimmen unterscheidet sich in nichts von den haarsträubenden, hanebüchenen, himmelschreienden Rechtfertigungen mit denen sich zu Beginn des XXI. nachchristlichen Jahrhunderts «aufgeklärte» und nicht-so-sehr-aufgeklärte Staatswesen die Unschuld des Handelns verschaffen: Nachdem es den Menschen in den vergangenen zweihundert Jahren gelungen ist mit allem Nachdruck zu beweisen, daß es keine absolut allgemeingültigen Wahrheiten gibt sind wir den Propheten des X-beliebigen und ihren eloquenten Propagandisten ausgeliefert: Rassismus ist doch nur eines von unendlich vielen Variationen neuer und neuester Weltbildssysteme die den Menschen moralischer Wahrheiten vermitteln sollen… Kapitalismus [oder das viel verhaßte «Neoliberale Modell»], Marxismus, Demokratismus [das Gerede von «Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit» in sozialen Zuständen totaler Überregulierung und Manipulierung aller nur denkbaren menschlichen Verhaltensmuster], Feminismus, Oeko-Bewegung und viele andere sind – wie der Rassismus – auch nur windigen wissenschaftlichen Modellen verpflichtet und außerdem auch noch von zweifelhaftem ethischem Wert, weil sie alle nicht in der Lage sind den Menschen ganz zu erfassen. Aber zugleich auch dazu herangezogen werden gut-und-lobenswerte Gewalttätigkeit zu rechtfertigen. [wie Anfang 2006 als Greenpeace einen japanischen Trawler rammte unter dem Beifall aller (europäischen) Gutmenschen]
Und was den Religionen an «moralischer Substanz» verbleibt, das kann man an den höhnischen Kommentaren zur «Reformbedürftigkeit» altehrwürdiger religiöser Institutionen und an den Handlungen religiös motivierter Machtträger wie George W. Bush [“God has chosen me”] und Osama bin Laden miterleben. Aus dieser Perspektive erscheinen die Pharaonen tatsächlich wie Götter.