Stil

Das Übersteigert und Aufgeheizte der Tagesdiskussion erscheint umso mehr lächerlich, als es sich in einem Stil ausgestaltet, der dem Augenblick Ewigkeit zuordnet: Die gerade mal geglaubten Wahrheiten erscheinen so einmalig und groß und überwältigend, daß alles was davor war ins Nichts verschwindet und alles was jetzt gedacht, gewollt und geglaubt wird das letzte Einmalige, die absolute Wahrheit für alle Ewigkeit Gültigkeitsanspruch hat… Jetzt und hier beginnt die Ewigkeit und wer nicht in den Chorus einstimmt, der wird niedergemacht – mit dem wirksamsten Mittel: Häme, Hohn und der Lächerlichkeit.

Man weiß das ist der namelose Gott so vieler Moderner, die sich alle irgendwie im Besitz der absolut, bestimmt Wahren wissen:  Wahrheit vor allem, um damit “zwingend” Macht ausüben zu können.

Die im philosophischen “Idealismus” verherrlichte “Idee” ist nicht Wahrheit, oder sonstwie Angelpunkt zur schöperischen Gestaltung des Daseins wirksames Instrument. “Die Idee der Logos” ist Idol, ist Götze, ist mit den stilistischen Mitteln der Überredungskunst geschaffenes Täuschungsmanöver

Jetzt bin ich auf einer neuen Ebene. Ich lese die Geschichte von Margret Meade’sComing of Age in Samoa. Iin der Vorgeschichte dieses Epoche machenden Werkes ist Franz Boas und der deutsche Idealismus in der Form des Neukantianismus: Das «Ding an sich», losgelöst von allen Phänomenen erst rechtfertigte die monomane Konzentration der Betrachtung des Wesens des Menschen auf «Kultur.» Aber was heißt denn das?  Virchow und viele andere große Vertreter der Humanwissenschaften waren dedizierte Gegner des Darwinismus, der unglücklicherweise in Deutschland durch Häckel eine unangemessene messianische Bewegung wurde. Aber was heißt denn das, wenn Evolution ausgeschlossen ist?  Dann ist der Mensch als reines Kulturwesen biologisch total unveränderlich und also muß es unveränderliche Rassen geben – und Mischrassen – und Reinhaltung der Rasse kann als politische Aufgabe gerechtfertigt sein.  Der Kampf um die Frage in welchem Maß «Kultur allein» das Verhalten des Menschen bestimmt, der insbesondere in den USA – und mit ganz besonderer Intensität während der Periode 1983 bis 1995 – geführt worden ist ging also nur vordergründig um die nurture/nature dichotomy. Dahinter steckte das häßlich Monstrum des Rassismus.

Wenn ich dann bei den dedizierten Vertretern der deutschen «Erinnerungskultur» lesen muß, daß:

 

 «"Blutschande" - allein das Wort ist so fürchterlich wie "Rassenschande" - ist ein Tabu, eines der allerletzten wahrscheinlich. Wie ist es entstanden? Keine Wissenschaft gibt überzeugende Antworten. Man weiß mittlerweile, dass Abscheu vor sexuellen Beziehungen Blutsverwandter nicht Instinkt ist, sondern als kulturelle Norm erlernt wird. Und man weiß seit Ödipus, der unwissentlich seinen Vater erschlug und die Mutter heiratete, dass die Weltliteratur über mehr als 2000 Jahre von dem düsteren Thema fasziniert ist, zu dem als heitere Variante die Verwirrspiele verliebter Paare gehören, die nicht wissen, dass sie Geschwister sind.»

 

dann sehe ich das «Man weiß» ganz anders. Das ist ein «man weiß» welches dem Dr. Mengele – und der konnte sich dabei auf die «Großen seiner Zunft», konnte sich auf den «großen Virchow» berufen – die Unschuld gab, mit allen Mitteln der Kunst den «medizinischen Mechanismus zu ergründen» der reine Rassen gesund erhält.  Das einzige was ich zur Entschuldigung dieser Ungeheuerlichkeit erfinden kann ist, daß Frau Gisela Friedrichsen offenbar älteren Semesters ist, die von Ruth Benedikt und Margaret Mead und offensichtlich auch von ein paar Freudianern «allgültige Wahrheiten»  erwarb an denen sie mit glühender Inbrunst hängt und gar nicht mehr nötig hat in neuere Zeitschriften für Kulturanthropologie zu schauen.