Uberich

Pacere subjectis [schone die Unterwürfigen] principiis obsta [wehre den Anfängen]
Der Gleichklang des Überich mit den herrschenden Sitten vermittelt die Unschuld des Handelns
Bei den alten Griechen
begegneten Erwählten der Polis dem
Überich in den Tragödien,
die in einem erhabenen Rahmen vorgestellt wurden,
der auch heute noch jeden Besucher einer der vielen Ruinen ergreift
Augustus fordert nicht Glaube,
sondern bloß Teilnahme am Kultus!
 Athen hat Sokrates zum Schierlingsbecher nicht etwa deshalb verurteilt,
weil er unliebsame Wahrheiten vorgetragen hat,
sondern weil er glaubte mit diesen Wahrheiten
gleich auch den inneren Zusammenhalt der Gemeinde in Frage stellen zu müssen. 
Athen nimmt Sokrates übel, daß er die Konventionen bloßgestellt hat mit seinem:
»Erkenne dich selbst!«
Aber was viel schlimmer ist, und was bis in unsere Zeit immer die fürchterlichsten Konsequenzen hatte, das ist der unerschütterliche Glaube an die Eindeutigkeit und schlechthinnige Wahrheit dieser Selbst-Erkenntnis.
 
Jeder der »sich selbst« erkennt muß sich selbst belügen
– oder gleich umbringen
Das mit dem Kreuztod symbolisierte Wunder der Individualität
an sich selbst vollziehen
oder aber alles daran setzen sich zu beweisen
und da zählt am Ende nur dass alle nach der einen Pfeife tanzen
die Gewissheit des Gewissens aller anderen kontrollieren


Wie Voltaire kann ich mich damit abfinden,
daß wir zur gesellschaftlichen Ordnung eines gütig-strengen Gottes bedürfen
und noch mehr bedürfen wir der Institutionen
die Macht eines solchen Gottes extrem-langfristig
und jeden Tag aufs Neue glaubhaft
in alle Bereiche interpersonellen Austausches hinein wirksam werden zu lassen:
Aber heute ist ja die Mollige von den Grünen und
irgend ein x-beliebiger Schreiberling für
Der Spiegel oder Die Zeit
weit effektiver und wirksamer als der ganze Apparat der alten Mutter Kirche,
ist ein größenwahnsinniger
muslimischer Hagestolz effektiver als
alle berufsmäßigen Ethizisten den Menschen die Unschuld des Handelns zu vermitteln

Das Überich ist
unwiderruflich nicht das Gewissen – Das Gewissen ist etwas mit dem sich das «Ich» herumschlägt und bei manchen Unglücklichen nie Gewißheit finden kann [siehe Blaise Pascal] oder aber gleich ganz verleugnet wird, wie von Friedrich Nietzsche der sich nicht den Naumburger Drachen  [Nietzsche’s Überich] konfrontieren wollte – still: Elisabeth got him by the balls

Das Überich ist eine vermittelnde Instanz, die zwischen dem Einzelnen und der sozialen Umwelt steht. Jeder Mensch - und übrigens jedes Herdentier - wird geboren
mit einer Grundausstattung von
Verhaltensmustern denen er sich gar nicht entziehen kann
     Psyche ist in der griechischen Mythologie der Name jenes Seelenvogels mit Schmetterlingsflügeln, der als die Personifikation der menschlichen Seele gilt.  Die Griechen ahnten «ich» ist etwas ganz und gar ephemer-flüchtiges was wir Seele nennen:  Das Wort Seele stammt vom althochdeutschen seula ab, was "die zum See Gehörende" bedeutet. Nach germanischer Vorstellung waren die Seelen der Ungeborenen und der Verstorbenen Teil eines Mediums ähnlich dem Wasser.  Seele ist beides das
«vom Fleisch getriebene» und «vom Geist gezügelte» die materielle Existenz und die  immaterielle Essenz, das bewegende Prinzip [Ausgangspunkt, Ursprung], der verwirklichende Grund eines individuellen «Ich». Bevor aber «ich» werden kann wird es oft schon mit manure of nurture zugeschüttet, so daß man hinterher feststellen kann «alles was der Mensch ist, kommt aus den heilenden Quellen der sozialen Umwelt»
aus allen diesen Sätzen muss man folgern
Selbst-Erkenntnis ist nicht der Weg zu Zivilisation und Kultur
Zivilisation und Weltordnung sind Ausdruck eines “Willens” der über jeden Einzelnen hinausreicht
Erkennen schadet jedem Versuch solchen Willen wirksam werden zu lassen:  Zivilisation fordert Gefolgschaft und blindes unterwerfen und solche Blindheit kann nur geschaffen werden aus dem Mysterium des Glaubens
 

Aus dieser Sicht ist die Idee der «Person» etwas ganz Fragwürdiges …die Psychologie geht ganz selbstverständlich davon aus, der Einzelne könne gar nicht denken lernen ohne von der Umwelt vorgeprägt zu werden.
Die Frage reduziert sich eben doch darauf: „Gibt es das «Ich»"
Bei den Römern war das ganz einfach: Wer als Einzelner Bedeutsamkeit erringen wollte mußte die «Idee Rom» verkörpern, wer sich nicht vor Volk und Senat bewiesen hatte und trotzdem von sich behauptete er sei «ein selbst-denkendes Ich» der war ein Idiot. Und wer mit solchem abartigen Selbstdenken die Republik gefährdete, der wurde verbannt… so wurde am Ende der Republik Virgil ans Schwarze Meer geschickt, weil Augustus Filius Deus meinte, dessen Einmischungen in seine imperialen Planungen, würden das Konzept verderben.
Als während der immer weiter um sich greifenden inneren Zerrüttung der «Idee Rom» das Christentum erfunden wurde, entstand das auch von Anfang an als «Gemeinschaft der Heiligen [primär gegen die Juden aber auch gegen die absterbenden Reste alt-römischer Werthaltung]» und die Kirchenväter – Augustinus allen voran – sorgten mit Nachdruck dafür, daß niemand auf die Idee kam als «ein selbst-denkendes Ich» vor Gott zu treten: Rom blieb für mehr als Tausend Jahre oberstes Gewissenskontrollorgan…
…Seit der Reformation sieht es so aus, als sei ein «freies» Individuum möglich.  Jeder nur seinem Gewissen vor Gott verantwortlich… aber in dem Glaubensstreit von Reformation und Gegenreformation entstand ein Vacuum in dem – trotz der Festigung und dem Aufblühen [hier Architektur dort Musik] der Institutionen, die Gott verwalteten – die Essenz dieses Phänomens verschwand… jeder nur seinem Gewissen verantwortlich: Geht ja gar nicht! Genau das wußte ja Augustinus schon!
Ein absonderlicher Hagestolz hat sich in Königsberg dieses Problems angenommen, mit aller Gründlichkeit, die damals für seine Landsleute, die Preussen in ganz besonders hoher Wertschätzung stand: Dafür ist er der «Alleszertrümmerer» genannt worden… aus den Trümmern haben dann Hegel den Geist und Marx den dialektischen Weltgeist und separat die dialektische Materie erstehen lassen… und nun ist das Gewissen wieder vor jemandem verantwortlich – natürlich vor denen, die Geist und Materie – dialektisch dem Paradigmenwandel hinterherrennend – interpretieren.  Wer da nicht mitmachen will, der ist – wie Hegel von Anfang an sicherstellte: ein irrelevanter Schwätzer: Das ist das moderne Ich – entweder du bist mit uns oder du zählst nicht tertium non datur
…da gibt es aber leider diese verfluchten Kahlrasierten als «bedrohlich wachsende Masse» ab mit ihnen in den Kerker... und bei den Islamisten ist auch nicht klar was man von ihnen halten soll: Sie sind gegen «die Amerikaner» und gegen «den Kremel» das ist ja schon mal gut!  Aber müssen die nun unbedingt in ihrem Freiheitsdrang Gewalt gegen Menschen und Sachen üben?  Bei Rauschgift und Menschenhandel ähnliche Ambivalenzen:  Man finanziert ja schließlich Befreiungsbewegungen und die Kriminalisierung von Lust-steigernden Substanzen durch bornierte Amerikahörige lädt ja geradezu ein…
     …und das Ich geht unter im Rätseln um drängende Tagesfragen…
 

Zeit-Geist-Meister Zigmund hat uns einen Bärendienst erwiesen; und die wild schweifenden Horden, die in seinem Namen »Befreiungs- und Enthemmungspsychologie« getrieben haben, wußten nicht was sie taten – waren unschuldige Mitläufer, die bloß Befehlen gehorchten damit sie befördert werden und in sicherer Stellung unterkommen würden.  Sie durften nicht sehen, was sie wirklich taten: raubend, mordend und brandschatzend durch die weiten abendländischen Landschaften geistiger Kleingärtner-Arbeit streifend alles nieder machend, was scheinbar unbegründet den Menschen unter den Zwang des Überich-der-Wüterich gestellt hatte. Oh! Blut ist da nicht geflossen, aber umso mehr Gift:  Man muß nur mal nachlesen was die magersüchtige Freud-Schülerin über ihren Herzallerliebsten zu sagen gehabt hat

Die Götter der alten Griechen – so wird uns jedenfalls erzählt – haben sich auch schon eingebildet, sie hätten die Titanen ein für alle Mal unter Kontrolle gebracht; und wo das nicht möglich war ausgerottet. Dem Zeus wurden alle »guten Titaneneigenschaften« zugeschrieben und den Rest dürfen wir getrost vergessen.  Aber da ist der Wunsch der Vater des Gedankens. So wie Paulus »mit der Sexualität fertig geworden ist« weil er das Glück hatte so dekadent zu sein, daß ihm der Vermehrungstrieb fehlte, so fehlt den Meisten offenbar der größere Teil ursprünglicher Triebkräfte, daß wir gar nicht zu erkennen vermögen wir sind – ein jeder für sich – die Fleischwerdung des Zwanges des Wüterich-der-Überich und jede noch so exzessive – nur ganz übel beleumundeten Titanen zugeschriebene – Handlungsweise, die immer sich auf andere Mitglieder der species bezieht ist in uns angelegt

Der Überich-der-Wüterich kümmert sich aber nicht im geringsten um die Zeugungskraft, solange sie seinen Herrschaftsforderungen nicht quer kommt.  Zeugungskraft ist Angelegenheit des id – aber das ist ja auch schon seit unvordenklicher Zeit gespalten ... und in dieser Spaltung liegen selber schon hochgradig explosive Probleme, die nur mühsam mit dem Versprechen lüsterner Erfüllung übertüncht sind. Es gibt so viele widersprüchliche – einander ausschließende – Strebungen zwischen den Geschlechtern, daß es ein Wunder ist, daß sich das Leben bisher erhalten hat.  Einige der Lösungen, die sich »die Natur« erfunden hat, diese Widersprüche zu überwinden sind nichts weniger als monströs: Spinnen lösen es indem der männliche Teil, nach getaner Befruchtungsarbeit verspeist wird.  Und wenn ich mir die spektakulär unsinnigen Verrenkungen des courtship behavior von Einzelgängern wie dem Albatroß anschaue, dann kann ich nur staunen.

 

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 Die meisten gesellschaftlichen Mechanismen dienen der Zerstörung von schöpferischem Potential: "Da könnte ja jeder kommen -- das haben wir  immer schon so gemacht -- der glaubt wohl er sei etwas Besonderes" ...  Erst wenn die sozialen Anpassungsmechanismen geschwächt sind kommt es zu  schöpferischen Explosionen (1750-1850)... Wir müssen uns nur davor hüten  uns nicht gleich wieder in irgendwelche Unausweichlichkeiten einwickeln zu lassen: Extrembeispiele solcher "Befreiungen", die unmittelbare  Gegenreaktionen erzeugten in Alexander, Augustus,  Napoleon, Stalin ... und natürlich, ja, der Adolf., der Schreihals von Braunau 

1340

Wann immer man »eine Wahl« hat ist es doch besser zu den Erfolgreichen zu gehören ... spricht der Überich der Wüterich

1343

 Ich hatte mir immer eingebildet, ich könne außer Konkurrenz laufen, ich habe aber diese  Rechnung »ohne den Wirt gemacht« ... meine soziale Getriebenheit [der Überich der Wüterich] treibt mich doch dahin,  mich mit der Meute zu messen, die mir der Zufall um mich herum angesiedelt  hat. Das ist ja doch die jammervolle Tragödie der Welt der abstrakten Institutionen, daß wir mit Menschen zusammengewürfelt werden, mit denen wir bestenfalls oberflächliche Beziehungen haben.  Die Theoretiker  der Entfremdung haben sich immer wieder darauf berufen, daß die Welt nicht in Ordnung sei, während die Apologeten dieser Welt, die Glücklichen sind,  denen die Lust am Wettstreit als Selbstzweck gar nicht erlaubt zu erleben  daß es sich bei der Entfremdung um eine »reale Problematik« handeln  könnte.

1686

In der Diskussion  um nurture [Zucht] und nature [Züchtung] wird völlig  außer acht gelassen, was es eigentlich ist, was durch diese Einflüsse geprägt wird:  Das id als Produkt der Züchtung wird ergänzt durch das Überich als Produkt der Zucht ...  Ich bleibe bei dem ganzen Prozess immer außen vor und der Verantwortung, der Not überlassen Entschlüsse zu fassen und mir Ziele zu setzen, auf die  hin meine Entscheidungen überhaupt erst Sinn machen.

1736

Das Ich beweist  sich nicht im Denken, es beweist sich nur wenn es mit wirklichen  Grundentscheidungen konfrontiert wird. Das heißt, wenn es nicht schon  vorher durch das id zu einer spontanen Handlung gekommen ist und der Überich die alte Leier der Gewissensnot anstimmt. Und was eine alte Leier ist, das kann sich ganz schst fahren, so da man nach den Segnungen der Enthemmungs-Lust-Bringer lechzt.

1804

Freud war gar  nicht das Originalgenie zu dem er immer wieder hochstilisiert wurde, der  war bloß belesen und hat das angelesene auf seine Wiener Verhältnisse übersetzen können.  Was er uns als id und ich und Überich andreht hatten nicht nur die Kirchenväter  in der Trinitätsidee schon vor Augen, sondern das war schon bei den alten Griechen als Pneuma, Psyche und Logos längst bekannt  ...

1977

 Züchtung  als kollektive Aufgabe ist auch ohne die Erfahrungen der ersten Hälfte des  XX. Jahrhunderts ein Alptraum.  Aber täuschen wir uns nicht, es ist  zugleich es ist zugleich ein verlockender Traum, der absolute Schuldfreiheit verheißt. Bei allen diesen Vorstellungen schleicht sich immer die Zernichtung des Ich ein: Die perfekte Vereinigung von Id und Überich, ohne das quälende Entscheiden-Müssen.

1978

Von Standpunkte  des ich [wenn es denn schon sowas gibt: Donna Anna & Don Octavio als  Typus haben kein »ich« sie sind von einem strengen Komptur vollständig kontrollierte Id] aus gesehen, können wir [als Summe solcher Einzelner, denen die Fähigkeit zum »ich« gegeben ist] immer noch nur aus der Natur  des Id [das wie das Überich Teil der  natürlichen Anlagen...] einen besonderen Anspruch ableiten.  Das  »Wissen« des Kollektiven und seine »absoluten Wahrheiten« dem sich dieser Anspruch konfrontiert sieht, ist aber immer mehr, als in dem besonderen  Anpruch des Einzelnen liegen kann, was uns übrig bleibt, ist das »Bessere« zu finden.

1988

Ich kann doch gar  nicht tun was »ich will« ...auch wenn ich das wollen-sollen-können-möchte.  Entweder tu’ ich was »ihr« für richtig haltet, indem ich mich auf den modusmeinesÜbericheinlasse ...dann bin ich das aber nicht »ich selbst« ...oder  ich überlasse mich den Getriebenheiten meines Id und laufe das Risiko von »euch« als Verbrecher verfolgt zu werden.

 1996

 

Das Subjektive am  Einzelnen bedroht das Selbstverständnis der Anderen. Sie sehen sich [aus  der Perspektive ihres ÜberIch] in Frage gestellt, wenn einer es wagt von den stehenden Rede-Wendungen abzuweichen:  Jedes Wagnis zur eigenen Meinung wird als Ansatz zur Machtergreifung  gedeutet: »Da könnte ja jeder kommen.«