Vereinzelt

Der Tritt den mir meine Nächsten gegeben erlebe ich nun als “Befreiungserlebnis”… der hilft mir tiefer in die Tiefe blicken.

Die Idee von Voltaire, daß Candide in seinem eigenen kleinen Reich des perfektionierten Gartens glücklich und in Frieden leben könne, steht natürlich genauso auf tönernen Füßen, wie der gesamte aufs Allgemeine gerichtete Glaube der Aufklärer, der Welt mit Vernunft und Verstand und ohne alle »falschen Rituale« am besten beikommen zu können.  Nicht nur, daß man nicht allein ist, selbst wenn man in seinem backyard für sich zu sein scheint; denn es gibt ja immer Nachbarn -- vielmehr hat man ja doch immer wieder die kleinen und großen Widersprüche, aus denen man sich selber zusammensetzt. Der Mr. Vest kann mir ja eigentlich gestohlen bleiben, aber von den Konflikten, in die er mich versetzt, kann ich nicht ausweichen. Da beginnt etwas in mir zu bohren; denn ich habe ja schließlich selber schon erlebt, wie nervtötend dieses ständig hämmern in unserer neighborhood sein kann.

Ja!  Und jetzt kann ich metaphysisch Obdachloser immer noch nicht lachen in den klammen Räumen der Überdruß- und Spaßgesellschaft die wir uns als Ersatz für Lebenslust erschufen, sondern nur  ins Leere stieren ob der Verlorenheiten meines Lebens.

In einer anonymen Gesellschaft ein Vereinzelter sein, dem Beliebigen ausgeliefert, ohne auch zu ahnen, was das "Eigentliche" umfassen könnte ... Ich suche immer noch den Boden unter den Füßen, den ich eigentlich nie wirklich hatte ... aus einem Gefühl des Geborgenseins -- das gar nicht gerechtfertigt war -- heraus gefallen: in eine Welt des Intellektualisierens und der Rechtfertigungen und des wohlklingenden Ausdrucks ...Es ist mir peinlich, ich denke auf einmal daran, wer das hier wohl lesen könnte.  Wie ich mit dem was ich hier aufzufinden suche auf "Andere" wirken könnte ... Ein strenger Kontrolleur, der mir damals das Leben unmöglich machte, mich aber auch nicht sterben ließ, schaut mir immer noch über die Schulter.

Ich habe per Definition keinen Machtanspruch. Der ist mir schon lange widerlegt worden: So kann ich zum ersten mal erkennen, was für ein Glück es war, daß ich damals … auf den Nullpunkt «absolute zero»  gebracht wurde… für mich, und für die Gedankenwelten, in die ich eindringen kann – gerade weil sie nicht auf Machtausübung abzielen. …ich bin verletzt auch wenn ich meine: Ich bin nicht satisfactionsfähig.  Ich existiere ja immernoch auf den verschiedenen Ebenen.  Die Ebene des Gefallenwollens, der Hinreißenkönnens, des "geboreren Salonlöwen" der immer wieder eitel darauf wartet Bestätigung zu finden und umworben zu sein ist nicht einfach verschwunden ... Ich bin dennoch voll Selbstvertrauen in Bezug auf meine Einsichten. Sie sind Ergebnis der Vertreibung aus dem Paradies «der Direktbestätigung» dort wo die Götter wohnen und die Schlagersänger und iihre Promoter und die Lakaien von den Medien, die gar nicht anders können, als liebediendernd zu verherrlichen, wenn sie am Markt bleiben wollen.  Ich bin stolz darauf, daß ich nicht satisfactionsfähig bin. Mehr noch, selbst wenn ich mich verstiegen habe, weiß ich doch, daß ich in Gegenden vorgedrungen bin, in die sich bisher nur wenige verlaufen haben, und wie Cantor's Madness zeigt, haben dabei viele den Verstand verloren, während ich mich geistig so gesund fühle wie nie zuvor.

Dinge, die mich emotional bewegen: nicht eine der intellektuellen Gebetsmühlen, bei denen die Gesamtheit aller Inhalte schon in den Voraussetzungen steckt, hier erfasse ich die Grundsubstanz des Menschlichen, die Konstruktionsidee des Lebens selber ... und als solches ist alles was ich sage die reine Unschuld. Ich mache ja nur Tatsachenfeststellungen. Träume mit einem stark sexuellen Element, mit Deflorations-Symbolik haben mir den Schlaf unterbrochen. Darauf habe ich gerade noch gewartet!  Das was ich mir selber zu beweisen suchte, das ist gar nicht mehr so sicher.

Wahrscheinlich hat man gar keine Selbstwertgefühle unabhängig von der Zugehörigkeit zu Institutionen, die einem Status geben; Mann kann nicht sein unabhängig von Männercliquen, die einem diesen atavistischen Rückhalt gewähren.  Im geheimen habe ich Gefühle der Zugehörigkeit ... diese hier schriftlich zu fixieren ist mir noch peinlicher als alles was mit der Deflorations-Symbolik zusammen hängt.