Volksseele

Volksseele
Dort wo sich, wie im Nationalismus [siehe No 2130], meine eigenen Getriebenheiten mit denen vereinen, die sich mir als Gleichgesinnte geben, werden Energien mobilisiert, die nicht dadurch unschädlich gemacht werden können, daß man sie für moralisch verwerflich erklärt. Sie bleiben auch dann noch Ausgangspunkt für Tatsachen, wenn man sie gänzlich leugnet.

Ich muß mich manchmal wundern, wieso meine Deutschen Landsleute sich der herrschenden Meinung so vorbehaltlos und radikal hingeben. Egal um welche Meinungen es sich da gerade handeln mag. Ich hatte das große Glück, die «Gartenlaube» von ca 1850 bis 1900 durchblättern zu können: Faszinierend wie sich liberaler Geist über die Jahre in waffenklirrend-militaristischen Imperialismus umwandelt. So wird es erst verständlich, wie der Professor Unrat [Willamowitz-Moellendorff?] die Jugend der Reichs mit Hyperion [Befreiungssehnsucht: Selbst ein wunderliches Thema: Wieso hat der verrückte Schwabe am Untergang des Osmanischen Reichs mitarbeiten wollen? Bei Lord Byron kann ich das ja noch verstehen.] im Tornister in die Grabenkämpfe und den Untergang Europas schicken konnte. Am Ende der Tragödie erster Teil – ich liebe diese Zeit und ihren Geist über alles – waren Alle erst mal «dagegen.» Bestimmte Elemente dieses Radikalismus – zum Beispiel George Grosz Anklage gegen «die moderne Stadt» – sind bestimmten Meinungsträgern heute richtig peinlich: DaDa war durch-und-durch nihilistisch – ganz klar; große Kunst wird das erst dadurch, daß die Nazis dagegen waren.
Ja! Und mit «Deutschland Erwache!» begann dann der Tragödie zweiter Teil. Und alle… Alle waren 175 prozentige «willige Helfer» [Goldhagen] …waren mit Herz-und-Seele dabei: Haben sich, auf Teufel komm raus, Blutorden verleihen lassen und Vermögen arisiert und jede sich bietende Beförderungschance, wie besessen, genutzt, mit treu-deutsch-gründlichem Fleiß und weltanschaulicher Beflissenheit nach Strich-und-Faden. Und nachdem der faule Zauber zu einem krachenden Ende kam: Befreiung muß man das nun wohl nennen: Die Söhne der Blutordensträger wurden zu Wirtschaftsführern, Bundespräsidenten gar und das ganze kam in Schwung: Bis den Deutschen die Jugend unruhig [war das Pflaster-Aufbrechen 1968 nun vom KGB instigiert oder?Die Kunst der Geheimdienste, die heute in Vergessenheit geraten zu scheint war «plausible deniability» rigoros Ableugnen können: Die Mobilisierten wußten doch selbst nicht wie ihnen geschah: Die Volksseele kochte. Sogar Der Spiegel brauchte einige Zeit, Meriten – das sind ja frisch gekörte Abiturienten, die treuesten Leser – an der Sache zu finden] wurde und die Fernsehserie «Holocaust» in deutsche Wohnstuben schlich: Da war dann Schluß mit lustig! Wer diese Serie sah, der mußte Trauer tragen – öffentlich und mit Schaum vor dem Mund.
Wo kommt sie her, diese verfluchte Neigung der Deutschen immer gleich zu übertreiben und weltanschaulich 175 prozentig die Linie zu vertreten. Immerhin könnten die Deutschen mit Stolz darauf hinweisen, die Idee des «autonomen Ich» mit besonderer Tiefe durchdacht zu haben. Luther hat ihnen vorgemacht, wie Einer allein vor Gott stehen, dem Papst und dem Kaiser die Stirn bieten kann. Leibnitz hat die unendliche Einsamkeit der sich selbst entdeckenden Seele beschrieben und Fichte hat mit dem «absoluten Ich» dem Ganzen die nicht ganz unproblematische [wovon wir bei Benn dann einiges nachlesen können] Krone aufgesetzt:

Diese verfluchte Neigung, zur Hyperanpassung reicht zurück zur Augsburger Konfession:


«cuius regio, eius religio.»
 

In dem Maße in dem die Reformation den Einzelnen vom Druck der Mutter-Kirche «befreite» – und er/sie die Illusion haben durfte selbst-verantwortlich zu handeln, schlichen sich andere Institutionen der Gewissenskontrolle unbemerkt – aber mit real-existierenden Machtpotentialen – ein. Wer in irgend einer Beziehung dem Landesherren dienstbar war tat besser daran heraus zu finden «was Sache war.» Vom Waldarbeiter bis zum «wirklich geheimen Rat» war sich jeder bewußt, in welchem Maße das Lebensgeschick von der Gnade des Herren abhing: Die protestantische ebenso wie die katholische Kirche – als Gewissenskontrollorgan – voll in den Staatsapparat integriert; bis heute! Tatkraft, Geschäftsgeist, Fleiß und Begabung allein, galten nichts, wenn nicht die bedachtsame «Umsicht» sicher stellte, daß man gleichsam als Volksvertreter und Sachwalter des herrschenden Gutseins gelten konnte: Egal was da gerade als «Sittlichkeit der Sitte» galt und welche Mores der Landesherr besonders schätzte. Das war nicht Heuchelei, das war in Fleisch-und-Blut übergangener Überlebensinstinkt und… täuschen wir uns nicht …die Rituale der Partnerwahl haben das immer weiter verstärkt: Man muß schön «in-sein» um mitgezählt zu werden.
Der heuchlerische Zorn, mit der Spiegelautoren Vergangenheit traktieren ist nicht anderes als die histrionische Erkrankung der deutschen Volksseele in der sich wieder-und-wiederkäuend die abscheuliche Vergangenheit nur noch immer fratzenhafter – jetzt sogar mit Farbfotos [sic!] vom Leichenwagen in Buchenwald – darstellen muß.

Das Schlimme die Flamme des Ausrottungsfanatismus lodert weiter unter den Deutschen, vor allem auch denen, die man aus bestimmten Winkeln der deutschen Gesellschaft halb-hämisch als Gutmenschen bezeichnet: Das von ihnen als das Böse erkannte an der Wurzel ausreißen, vernichten, was nicht gut-werden will
die Fremdenfeinde
die Umweltschädiger
die Neonazis
Das Gerede von der Erinnerungskultur macht die Gegenwärtigen nicht moralisch besser
und es schließt den innigen Wunsch ein, die undefinierbaren Überreste des Tätervolkes sollen sich in einen Zustand der Selbstzerstörung begeben: «Ab mit euch in die Gaskammern!».


Nota Bene!: «Dieses allmähliche Durchsichtigwerden einer Volksseele ist eine Erscheinung, welche jedem Beschauer anders vorkommen mag. (Quelle: Jacob Burckhardt - Die Kultur der Renaissance in Italien / Die Entdeckung der Welt und des Menschen - 4)»