Zukunft

Die Vielfalt der Wahlmöglichkeiten

der man in der Überdrussgesellschaft gegenüber steht, wenn man -- so mit 15 bis 25 -- seine Lebenspläne betrachtet, kann gar nicht anders als eine Bedrohung aussehen wenn nicht glückliche Fügung die Sache von selbst löst. Das kenne ich. Ich habe in vergleichbaren Zuständen die "Freiheit" verflucht und zugleich die Freiheit geleugnet, weil mir nur zu deutlich klar war, daß jede Entscheidung die ich treffen würde eine Vielzahl von Folge-Entscheidungen nach sich ziehen würde, denen ich ebenso ausgeliefert sein würde wie der ersten.

Wer mit 25 kein Extrem-Talent in sich entdeckt hat, der zählt sich zu den Verdammten. Andreas Baader hat doch genau aus diesem Grund die Rolle des Uzzi-Schwingenden Revolutionärs gewählt. So brauchte er nicht im grauen Alltag abzusaufen. Die Vorstellung, in keiner, aller möglichen Handlungsabläufe, die Chance zu haben "Erster" zu sein, keine Beförderungschancen zu haben, immer irgendwo ordinär im Glied mit zu marschieren: das erfordert eine Art der Zukunftsbewältigung die man am liebsten ganz von sich stößt.

Dabei geht es ja doch aber bei der "Besitzstandswahrung", die heute die Leute auf die Straßen treibt, um den Anspruch der Erhaltung der Zuwachsraten. Das ist es, was hier in den USA die Budget-Diskussionen aufhält und was in Paris die Studienräte und die Transportarbeiter auf die Straßen treibt. Wir meinen nur zu genau zu wissen was die Zukunft bring, und daß das was sie für uns reserviert hat, am wenigsten wünschenswert ist. Wenn man schon nicht "Erster" sein kann, dann will man wenigstens alle erkennbaren relativen Abstände zu den Anderen so erhalten, wie sie sich jetzt zufällig eingependelt haben.

Allein schon aus diesem Grund ist der Tod eine absolute Voraussetzung für die menschliche Existenz. Wenn es sich bei den Bemühungen der Besitzstandwahrung herausstellt, daß die über Generationen hin einigermaßen unverändert erhalten werden kann, dann ist es wohl unvermeidlich, daß sich Gewaltpotentiale entwickeln, die dieser Tendenz zur Verhinderung des Wandels entgegenarbeiten. Zumindest seit der französischen Revolution hat diese Tatsache mehr die Geschichte geprägt als irgend etwas anderes.

Ideologien, die diese Vorgänge begleitet haben, waren durchaus nicht die Ursache: Es brauchte nicht die Rassentheorie um den Zorn der kleinen Schuldner und der neidischen "besseren Leute" gegen die geschäftstüchtigen Juden zu mobilisieren, die Rassetheorie gab dem fürchterlichen Geschehen nur den Anstrich eines "wissenschaftlich gerechtfertigten Vorgehens". Die Polen, Ukrainer, Letten und Litauer haben sich eifrigst darum bemüht als erste von den Kräften beglückt zu werden dieses so gerechtfertigte Vorgehen bei ihnen in Gang zu setzen.

Das kommt mir "ganz von selbst" immer wieder ins Bewußtsein. Ich weiß gar nicht wie ich mich davon befreien soll. Ich bin da im Griff eines Psychoterrors, der nicht aus der Welt zu schaffen ist. Als derart Geschädigter habe ich "kein Anrecht" anderen zu sagen wo es lang gehen soll. Ich kann nur davon berichten wie es mich immer wieder in die Enge treibt. Eigentlich sollte ich aufhören, hier weiter nach Worten zu suchen; denn offensichtlich drehe ich mich ja im Kreise. Aber ich hoffe doch noch, daß mir eine Tangentialbewegung gelingen könnte, die mich hinaus schleudert in ein Bekanntes, in dem ich neue Einsichten sammeln könnte, ohne mich mit moralischen Fragestellungen zu befassen.

Ich bin ja an den Prozessen interessiert, und im wesentlichen daran, wie man die 'ordinary people' von der Verrücktheit der Außergewöhnlichen beschützen kann. Unausgesprochen ist das eigentlich schon immer die treibende Kraft meiner Bemühungen gewesen, und auch die Motivation dafür, mir mit meinem Denken nicht einen Namen machen zu wollen. Mein Verdacht gegen alle Führer aller Reformbewegungen besteht doch darin, daß es den führenden Köpfen dieser Bewegungen primär darum geht für sich selber einen Platz zu schaffen wo sie endlich "Erster" sein können. Keiner hat das so exemplarisch durchgedrückt wie Karl Marx als Vordenker den Kommunismus und als Führer der Internationalen.

Bei Marx kommt in wunderbarer Weise ein evolutionsgeschichtlich interessanter Typ zum Durchbruch: Wie er dienende, und für ihn gebärende, Frauen um sich schart, wie er devote Männerfreundschaften in unmittelbarer Nähe hat und wie er zugleich Männercliquen in aller Herren Länder dominiert: Über den Tod hinaus. Dieser Typus ist bei den Griechen in Zeus verkörpert und in der jüdischen Tradition im Stammesherrscher und Urahnen, als solcher ist Abraham nur scheinbar eine historische Figur.

"Ich bin der Fleisch gewordene Logos." Daß wir überhaupt das Konzept des abstrakten Geistigen entwickelt haben und nicht sehen wollen können, in welchem Maße wir gesteuert sind von den Grundsatzbedingungen der lebenden Substanz. Ob ich mit nun die gesamte Geistigkeit anschaue, die um den Fruchtbarkeitskultes der katholischen Kirche herum angerichtet ist, oder ob ich mich mit den sozialen Strukturen modernen Herrschaftsmuster -- besonders dann wenn sie uns Volksherrschaft in der Form der repräsentativen Demokratie vorzugaukeln versuchen -- befasse, überall sehe ich tief eingewurzelte Verhaltenszwänge, die wir in ähnlicher Form bei Hundemeuten beobachten können, oder bei Pavianhorden, oder bei unsern Vetter, dem Schimpansen.